Vorschau bis Herbst 2012:
Worpswede heute, ein Expressionist aus Delmenhorst und die Faszination des Unfertigen
Auch im kommenden Jahr hält das Overbeck-Museum ein vielseitiges Ausstellungsprogramm bereit, das die Maler der Künstlerkolonie Worpswede und ihr großes Thema, die Landschaft, zum Mittelpunkt hat und spannungsreich variiert: Nach der großen Retrospektive zum Werk Hermine Overbeck-Rohtes „Deine Frau, Dein Freund, Dein Kollege, Dein Alles“ können Kunstfreunde die Fortentwicklung der Worpsweder Kunst bis in die Gegenwart anhand einer Reihe von Ausstellungen nachverfolgen. Vom 9. Oktober 2011 bis 15. Januar 2012 zeigt das Overbeck-Museum Werke Worpsweder Maler der zweiten Generation, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neue, zunehmend individualisierte künstlerische Positionen entwickelten. Im Anschluss sind vom 29. Januar bis 18. März 2012 zwei zeitgenössische Künstler aus Worpswede zu Gast: Viktoria Diehn und Christoph Fischer zeigen unter dem Titel „Pferd und Landschaft“ Bilder und Skulpturen, die sich aus heutiger Sicht mit dem Verhältnis von Natur und Mensch auseinandersetzen. Vom 1. April bis 3. Juni 2012 zeigt das Overbeck-Museum dann die „Farblandschaften“ des expressiven Realisten Willi Oltmanns, farbintensive und ausdrucksstarke Landschaften und Stillleben, die spannende Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zu den Landschaften und Stillleben Fritz und Hermine Overbecks aufweisen. Im Sommer steht das Malerpaar Overbeck dann wieder ganz im Mittelpunkt: Unter dem Titel „Unfertig – vollkommen“ präsentiert das Overbeck-Museum vom 17. Juni bis 30. September 2012 unfertige Bilder und Zeichnungen und ermöglicht damit faszinierende Einblicke in das künstlerische Schaffen Fritz und Hermine Overbecks. Zum Jahresabschluss wird im Overbeck-Museum der Maler Josef Pollack zu seinem 100. Geburtstag mit einer Ausstellung geehrt. Ein leidenschaftlicher Beobachter, Maler und Zeichner, hinterlässt er ein umfangreiches Werk, das vom Menschen ebenso wie von der Natur zu erzählen weiß.
Die Ausstellungen im Überblick:
9. Oktober 2011 bis 15. Januar 2012
Bilder aus Worpswede
Das Overbeck-Museum heißt die neuen Leihgaben willkommen
Die Geschichte der Künstlerkolonie Worpswede ist eine Geschichte der Bilder. Seit mehr als 100 Jahren lassen sich Kunstschaffende von der Landschaft rund um das Teufelsmoor inspirieren. Den Gründervätern der Malerkolonie, zu denen auch Fritz Overbeck zählte, folgten schon bald Malerinnen und Maler, die als zweite Worpsweder Künstlergeneration den Ruhm des Ortes mehrten: Walter Bertelsmann, Lisel Oppel, Udo Peters, Willy Dammasch, Carl Emil Uphoff und Sophie Wencke sind nur einige der bekanntesten Namen. Das Overbeck-Museum durfte in diesem Jahr eine einzigartige Sammlung von Bildern dieser Worpsweder Maler als Dauerleihgabe in Empfang nehmen. Rund 70 Werke aus Privatbesitz haben bis auf weiteres in der Ausstellungsstätte im Alten Packhaus ein neues Zuhause gefunden. Nun werden die Werke mit einer eigenen Ausstellung im Overbeck-Museum willkommen geheißen. Erstmals wird die Sammlung damit umfassend der Öffentlichkeit präsentiert, zugleich treten die Bilder in einen Dialog mit den Werken von Fritz und Hermine Overbeck. Ein Teil der Werke ist verkäuflich, sodass auch Sammler auf ihre Kosten kommen.
29. Januar bis 18. März 2012
Pferd und Landschaft
Zeitgenössische Kunst aus Worpswede
Die Malerin Viktoria Diehn und der Bildhauer Christoph Fischer leben und arbeiten heute in Worpswede. Ihre Werke stehen für eine Worpsweder Kunst, die in der Gegenwart angekommen ist und doch die Wurzeln der Künstlerkolonie nicht verleugnet. Die Landschaft bleibt das große Thema. Doch die Wahrnehmung hat sich verändert. Spannungsreich werden die Werke in Beziehung gesetzt: Großformatigen Leinwandbildern stehen kleine Skulpturen gegenüber, Abstraktion in der Malerei trifft auf Figürlichkeit in der plastischen Form. Das Pferd tritt als Spannungspol zur Landschaft hinzu und repräsentiert den Einbruch des ganz Anderen in die Natur. So wird auch der Betrachter aufgefordert, seinen Ort in der Welt, sein Verhältnis zur Natur, seine Kreatürlichkeit und das heißt: seine Endlichkeit in den Blick zu nehmen. Im Zusammenspiel mit den Bildern Fritz und Hermine Overbecks wird die aufregende Differenz der künstlerischen Positionen sichtbar – getrennt durch mehr als 100 Jahre Kunstgeschichte, bildet die Auseinandersetzung mit der Landschaft und dem Verhältnis des Menschen zur ihn umgebenden Natur doch eine tragfähige Verbindung.
1. April bis 3. Juni 2012
Farblandschaften
Willi Oltmanns – Landschaften und Stillleben
Der Maler Willi Oltmanns (1905 – 1979) kam in Wilhelmshaven zur Welt und starb in Delmenhorst, wo er mehr als 30 Jahre lang gelebt und gearbeitet hatte. Ebenso wie Fritz Overbeck begann auch Willi Oltmanns seine künstlerische Laufbahn in einer Künstlerkolonie: in Schreiberhau im Riesengebirge. Seine Nähe zum Expressionismus und seine aufmerksame und zugleich lebensbejahende künstlerische Haltung finden ihren Ausdruck in einer intensiven Bildsprache, die sich ihren Motiven in leuchtenden Farben und kräftigen Formen nähert. Festgefügte Konturen tragen zu der beeindruckenden Dynamik der Bilder bei. Oltmanns fängt sensibel die Stimmung des Augenblicks ein, zugleich zeichnen sich seine Werke durch zeitlose Welthaltigkeit aus. Im Zusammenklang mit den Landschaften und Stillleben Fritz und Hermine Overbecks zeigen sich immer neue Sichtweisen und faszinierende Spielarten von Farbe und Form.
17. Juni bis 30. September 2012
Unfertig – vollkommen
Unfertige Bilder und Zeichnungen von Fritz und Hermine Overbeck
Unfertige Bilder sind mehr als nur abgebrochene oder womöglich gescheiterte Versuche – sie zeigen den Künstler bei der Arbeit, sie gestatten uns einen Blick hinter die Kulissen und mehr als alles andere regen sie unsere Fantasie an: Was war dort zu sehen, wo die Leinwand weiß geblieben ist? Wie hätte der Künstler das Bild weitergemalt? Gerade das Fragmentarische, Unfertige stattet die Kunstwerke mit einer eigenen Spannung und Dynamik aus, die unsere Sehgewohnheiten herausfordert und unsere Sicht auf die Wirklichkeit bereichert – ist doch das Unfertige in der Welt allgegenwärtig. Die unfertigen Bilder Fritz und Hermine Overbecks sind daher unvollendet und doch vollkommen: Sie ermöglichen einen Blick auf das Ausschnitthafte und Unvollkommene auch in unserer Wahrnehmung und in der Welt, die uns umgibt, und lenken unsere Aufmerksamkeit darauf, dass der Betrachter durch seinen Blick und seine Vorstellungskraft immer auch Mitschöpfer eines Kunstwerks ist. Vor diesem Hintergrund weisen die unfertigen Bilder Fritz und Hermine Overbecks einen Zug zur Moderne auf, der sie ihrer Zeit weit voraus sein lässt und ihre Betrachter bis heute fasziniert.
14. Oktober 2012 bis 13. Januar 2013
„Ich wollte, ich könnte meine sehenden Augen vererben“ – Josef Pollak zum 100. Geburtstag
Am 15. Dezember wäre der Maler Josef Pollak (1912-1997) 100 Jahre alt geworden. Grund genug, den Delmenhorster Künstler mit einer Ausstellung zu ehren, die einen Überblick über sein reichhaltiges Schaffen zeigt. Pollak hält in unzähligen Ölgemälden, Aquarellen, Zeichnungen und Skizzen die Welt fest, die ihm täglich vor Augen steht. Den leidenschaftlichen Maler interessieren die Geschichten hinter seinen Motiven – von ihnen erzählt er mit dem Pinsel oder mit dem Zeichenstift, sei es im Porträt oder im Stillleben, in der Skizze einer Baumgruppe oder in der Zeichnung eines Marktplatzes. Expressive Züge zeigen sich deutlich in seinem Werk, das eigensinnig an der Gegenständlichkeit festhält in einer Zeit, die sich ganz der Abstraktion verschrieben hatte. Unbeirrbar verlässt sich Pollak bis ins hohe Alter vor allem auf eins: auf seine sehenden Augen. Und wenn er sie auch nicht vererben konnte, wie es sein Wunsch war, so hinterlässt er doch ein Werk, das uns heute noch sehen lehren kann, indem es von großer Aufmerksamkeit zeugt und diese Aufmerksamkeit an den Betrachter weitergibt.
6. Dezember 2011
